Cicero-Chef Weimer macht es sich gemütlich

19. Januar 2009

Eigentlich bin ich dem Magazin Cicero sehr zu Dank verpflichtet, denn dort erschien bereits im Juli 2005 meine erste Veröffentlichung zur Vorbereitung vom Ende der Bundesrepublik. In Deutschlands zweites Versailles entwickelte ich einen historischen Vergleich zwischen der gigantischen Verschuldung, in welche die Bundesrepublik wegen der nicht durch Rückstellungen gegenfinanzierten Beamtenpensionen zwangsläufig hineinrutscht, und den absurd hohen Reparationszahlungen, welche die Siegermächte Frankreich und England den Deutschen nach dem ersten Weltkrieg im Rahmen der Verträge von Versailles aufgezwungen haben. Was man daran bewundern kann, das ist die Fähigkeit der Bundesrepublik, sich auch ohne die Material- und Menschenschlachten eines Weltkriegs so katastrophal zu verschulden, dass der Staat dadurch zwangsläufig zerstört wird. Dieser Artikel wurde vollständig übernommen in Das Ende der Bundesrepublik

An Cicero hatte ich bisher auch den Chefredakteur Wolfgang Weimer geschätzt, einer der lebendigsten und meinungsstärksten deutschen Journalisten. Doch ach, was muss ich erleben! Mein Held, dieser d’Artagnan des politischen Feuilletons, hat seinen Degen abgelegt, die Pantoffeln angezogen und es sich in der guten alten deutschen Stube gemütlich gemacht. Am 14. November 2008 war das in Weimers Kolumne im Handelsblatt unter dem gewollt biedermeierlichen Titel Gemach, gemach zu lesen. Darin feiert er das Michelhafte an den Deutschen und ihrer Revolutionsunlust als eine nützliche Tugend um dem Alarmismus und dem Veränderungsfuror zu widerstehen. Die Globalisierung selbst sei schon Revolution genug. Und er geht so weit, dieses Lob der deutschen Stasis mit einem Zitat von Kurt Tucholsky zu belegen, das doch gerade das Gegenteil ausdrücken sollte, nämlich eine bissige Kritik an der politischen Unfähigkeit der Deutschen, eine ordentliche bürgerliche Revolution zustande zu bringen: „Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution mal wieder in der Musik statt“ (1930). Gemeint war damit die misslungene Revolution von 1918, aber auch jene von 1848, nach der Richard Wagner, der glühende Revolutionär, in die Schweiz fliehen musste und begann, die Revolution mit den Mitteln der Musik fortzusetzen. Tucholsky schrieb zwei Jahre vor dem genannten Zitat unmissverständlich: „Die deutsche Revolution steht noch aus.“ Darum hat Cicero-Chef Weimer den Boden der großen demokratisch-rebellischen Tradition von Heine, Börne und Tucholsky leider verlassen, wenn er seine misslungene Kolumne mit diesen apodiktischen Worten enden lässt: „Darum fallen alle Revolutionen aus.“ Ich hoffe, dass dieser Musketier für bessere Politik bald den Weg zu seiner Truppe zurück findet um daran mitzuwirken, dass Deutschland endlich einmal eine erfolgreiche demokratische Revolution erlebt. Sonst wird auch der Cicero nur noch das politische Magazin der letzten Großen Koalition gewesen sein.