Er hat’s kapiert: Schäuble hält neue Verfassung für notwendig

23. Juni 2012

Na endlich, es geht los! Wolfgang Schäuble räumt ein, dass er lange gebraucht hat, um es einzusehen, aber jetzt weiß er, dass es bald soweit sein wird: Die Bundesrepublik braucht eine neue Verfassung! Wozu? Nicht etwa, um die kaputten Institutionen und das kranke System der Bundesländer grundlegend zu reformieren; auch nicht, um wieder mehr Vertrauen in der Bevölkerung  für die Politik zu gewinnen und etwa die Beamten aus der Politik rauszuschmeißen, wo sie nichts zu suchen haben; nein, es geht vor allem darum, mehr Kompetenzen nach Brüssel auf die EU-Ebene zu verschieben. Hier ist der Artikel dazu im Spiegel-Online. Das kann ja lustig werden. Denn ich sehe schon, dass aus seinem Ministerium oder der Regierung derselbe Stuss kommen wird, den einst Stoiber und eine Initiative der Grünen-Basis verbreitet hat, nämlich dass es einen Verfassungskonvent mit einem begrenzten Mandat geben soll. Hier ein bisschen rumdoktoren, dort ein paar Artikel hinzufügen, aber den Rest schön in Ruhe lassen. Ich verstehe nicht, wie Stoiber und bestimmt bald auch Schäuble, beide Juristen mit langer politischer Karriere, so ignorant sein können, dass sie die Grundregeln des Verfassungsrechts und der europäischen Rechtsphilosophie nicht kennen. Egal, jedenfalls bewegt sich jetzt etwas. Zwar aus den falschen Gründen und mit den falschen Zielen, aber was nicht ist kann ja noch werden. Jedenfalls ist das bisher erste und einzige Buch, dass diese Situation seit 20o8 vorgesehen und sich mit dieser Materie gründlich beschäftigt hat, eindeutig Das Ende der Bundesrepublik. Warum Deutschland eine neue Verfassung braucht! 


Die deutschen Postdemokraten I

21. Februar 2012

In lockerer Folge werde ich ab jetzt über die deutschen „Postdemokraten“ berichten. Der Begriff stammt von dem britischen Soziologen Colin Crouch. Sein Buch Post-Democracy (2004) habe ich im Oktober 2007 auf meinem englischen Japan-Blog besprochen. Ich hatte dann 2009 versucht, bei seinem Verlag die Übersetzungsrechte zu bekommen, aber der Zuschlag ging an Suhrkamp.

Um meine Position zum Thema Postdemokratie gleich deutlich zu machen, zitiere ich aus Das Ende der Bundesrepublik, Anfang von Teil II, Therapie: Eine neue Republik:

„Es gibt einen Weg, den inzwischen einige Intellektuelle und politische denkende Menschen zu gehen bereit sind, zumindest in der Theorie. Sie empfinden die Krise der Bundesrepublik als eine Krise der parlamentarischen Demokratie insgesamt, weil diese veraltete Gesellschafts- und Herrschaftsform sich als untauglich erweist, den Herausforderungen des globalen Kapitalismus, der modernen Technologien und des Informationszeitalters zu begegnen. Sie sehen uns an der Schwelle zu einem anderen, einem postdemokratischen Zeitalter und suchen deshalb aktiv nach Alternativen zur Demokratie. Die von diesem Ansatz freigesetzten Impulse könnten radikal und eventuell höchst lehrreich sein, auch dort wo sie scheitern, und ich habe nicht vor, ihnen ihre Berechtigung abzusprechen. Eine besonders kluge und nüchterne Analyse des Niedergangs der westlichen Demokratien findet sich in dem Buch Postdemokratie von Colin Crouch. Er beschreibt die Invasion des wirtschaftlichen und spezifisch wirtschaftsliberalen Denkens und Handelns in allen Sphären der Politik und die zunehmende Unfähigkeit der Bürger, sich in diesem von den Medien kommerzialisierten und entpolitisierten Milieu überhaupt noch ein politisches Urteil bilden zu können. Im postdemokratischen Zeitalter besteht die alte Demokratie mit den meisten ihrer Institutionen weiter, doch das Zusammenspiel von massivem Wirtschaftslobbyismus und wachsender Wählerapathie hat revolutionäre Prinzip und Potential der Demokratie entkernt und lässt das politische System nur noch das bestätigen, was schon längst beschlossene Sache ist. Crouch sucht daher nach Wegen, wie man diese unvermeidliche Entwicklung mildern und bremsen kann. Dazu müssen Alternativen zur Demokratie in Betracht gezogen werden.

Die Demokratie soll hier genauso wenig sakralisiert werden wie das Grundgesetz und es ist durchaus denkbar, dass man auf diesem experimentellen Weg zu völlig unerwarteten, anschlussfähigen Ergebnissen kommt. Doch ich bleibe mit meinen eigenen Vorschlägen, ganz so wie auch Colin Crouch, innerhalb des Paradigmas der parlamentarischen Demokratie. Denn entscheindend ist doch, ob sich die postdemokratische Herrschaft noch mit Individualität und Freiheit nicht nur verzieren, sondern vielmehr begründen lassen kann. Der demokratische Parlamentarismus scheint mir das besser zu gewährleisten als jede andere Form des Politischen. Er ist noch nicht so erschöpft wie einige vermuten, es gibt da noch einige unausgespielte Varianten. Wir haben in Deutschland gerade einmal 70 Jahre demokratischer Erfahrung, in den Neuen Bundesländern sind es sogar weniger als drei Jahrzehnte. Es scheint also ein bisschen früh um sich von der Demokratie zu verabschieden.“

Der Historiker Heinrich August Winkler (Der lange Weg nach Westen, 2000, sehr gutes Deutschland-Portrait in zwei Bänden) hat im Cicero 2/2012 unter dem Titel Die verachtete Republik  eine kleine Tour d’horizon zum Thema deutsche Postdemokraten und ihre Vorgänger gemacht. Nicht, dass ich alles darin für richtig halte, denn er ist mir viel zu sentimental-altbundesrepublikanisch. Überraschenderweise kommt er am Ende seines Essays zu dem Schluss, dass wir eine neue Verfassung brauchen – aber nur, um uns in Europa besser einzufügen.

„Wenn sich die EU zu einer europäischen Föderation weiterentwickelt, muss das deutsche Volk seine Verantwortung als „pouvoir constituant“, als Verfassungsgeber, wahrnehmen: Es wird aufgerufen werden, nach Artikel 146 des Grundgesetzes über eine neue Verfassung, ein im europäischen Sinn überarbeitetes Grundgesetz, abzustimmen. Dieser Akt von direkter Demokratie ist ebenso legitim wie notwendig: Er legt den Grund für eine Ausweitung des Prinzips der repräsentativen Demokratie auf die Europäische Union. Deutsche Intellektuelle täten gut daran, auf dieses Ziel hinzuarbeiten, anstatt sich Wunschträumen von der angeblich wahren, unmittelbaren Demokratie hinzugeben – und darüber zu vergessen, in wessen Fußstapfen sie treten, wenn sie dem alten deutschen Unbehagen an der repräsentativen Demokratie neue Nahrung geben.“

Hier erweist Winkler sich als ein Laie in Verfassungsfragen. Genauso wie Bündnis90/Die Grünen, die auf der Bundesdeligiertenkonferenz im November 2011 als erste Partei einen Antrag der Basis angenommen haben, dass Deutschland eine neue Verfassung bekommen solle. Klingt toll, es ist aber derselbe Unsinn wie bei Winkler, denn sie wollen eine neue Verfassung nur machen, um Deutschland „besser in Europa aufgehen zu lassen“. Das Problem ist hierbei nicht einmal so sehr, ob das ein wünschenswerter Anlass oder ein erstrebenswertes Ziel ist – bereits das bezweifle ich stark -, sondern dass die ganze Vorstellung auf der Unkenntnis des rechtsphilosophischen Konzepts des Pouvoir constituant beruht, der verfassungsgebenden Gewalt. Denn es ist europäische Theorie und Praxis, dass eine verfassungsgebende Versammlung prinzipiell und immer über ein sachlich unbegrenztes Mandat verfügt. Man kann keinen Verfassungskonvent einberufen, der sich par Ordre du Mufti auf Einzelthemen beschränkt, etwa nur den Föderalismus zu reformieren (etwa Edmund Stoiber 2007 – was zeigt, das „Prädikatsjuristen“ durchaus auch „Prädikatsdilettanten“ sein können) oder den Staat und seine Organe besser an die europäische Gesamtordnung anzupassen. Es gibt nur drei Dinge, die der verfassungsgebenden Versammlung vorgeschrieben werden können, nämlich 1.) die personelle Zusammensetzung, 2.) der zeitliche Rahmen und 3.) die Art der Legitimation und Inkraftsetzung ihrer Ergebnisse, z. B. Volksabstimmung.

Ich merke, dass ich hier etwas abgeschweift bin vom Thema Postdemokraten. Darüber nächstes Mal mehr.


Juli Zeh, Ingo Schulze und ich – Drei Interviews zur deutschen Staatskrise

13. Januar 2012

Am 11. Januar wurde ich im Radiosender WDR5 von Reinhard Bieck zum Ende der Bundesrepublik (seit September 2011 in einer 3. überarbeiteten und erweiterten Ausgabe mit neuem Vorwort  als E-Book bei epubli, im Amazon Kindle-Shop und im Apple ibookstore) und zur Notwendigkeit einer neuen Verfassung interviewt. Das Thema des Tages war „Zeitenwenden“, und mein Beitrag lief unter dem Titel

Zu viel Krise für die Demokratie?

Eine neue Verfassung wäre eine Lösung

Die Redaktion war durch meinen Essay Die deutsche Status-Quo-Diktatur in der WELT vom 18. September 2009 auf meinen Namen gestoßen. Die Redakteurin meinte, sie sei entsetzt, denn alle Prophezeiungen in meinem Essay seien eingetreten. Das Interview dauerte keine 7 Minuten und wurde aufgezeichnet, aber die Situation war angenehm, den Bieck saß in Köln im Studio und ich im ARD-Hauptstadtstudio, sodass nicht nur die Tonqualität sehr gut geworden ist. Ich konnte mich auch gut konzentrieren, denn ich saß mit Kopfhörer und geschlossenen Augen vor dem Mikro und hatte das Gefühl, das Gespräch finde in meinem Kopf statt. Eine Frage wurde wohl aus Zeitgründen gekürzt. Hier die sinngemäße Wiedergabe:

Bieck: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass wir auf eine politische, soziale und wirtschaftliche Katastrophe zusteuern. Wo ist die aber bitteschön? Wir haben uns im Vergleich mit den Nachbarländern hervorragend gehalten in der Euro-Krise.

R.G.: Ach wissen Sie, mit Vergleichen ist das so eine Sache. Wenn wir uns mit Uganda vergleichen, dann stehen wir sicher glänzend da. Und es ist sicher nicht die Politik, der das Verdienst in der Euro-Krise zukommt, sondern einer kurzfristigen wirtschaftlichen Erholung. Ein anderes goldenes Kalb, um das wir tanzen sollen, ist das Wachstum. Das soll alle anderen Krankheiten der Bundesrepublik heilen. Doch die Wahrheit ist, dass wir schon lange kein echtes Wachstum mehr haben, denn das ist alles mit wachsenden Staatsschulden finanziert. Das letzte Jahr, in dem das Bruttoinlandsprodukt stärker gewachsen ist als die Schulden, das war 1994. Unser Wachstum ist nur eine große Simulation. Und das dicke Ende dieser Orgie kommt unausweichlich, denn der größte Teil der deutschen Staatsschulden liegt nicht in der Vergangenheit mit den öffentlich anerkannten 2 Billionen Euro, sondern in der Zukunft, wo weitere 3 bis 5 Billionen Euro Schulden dazukommen.

Erfreulicherweise beschäftigen sich inzwischen auch prominente Intellektuelle mit diesen Themen, jeder auf seine Weise. Der Schriftsteller Ingo Schulze, dessen frühere politischen Kommentare mich angenehm überrascht hatten – denn meistens sind Schriftsteller politische Dilettanten – hat in der Süddeutschen Zeitung einen langen und sehr guten Artikel unter dem Titel Kapitalismus braucht keine Demokratie  veröffentlicht. Zu seiner These, wir seien schon in der Post-Demokratie angekommen, ist er auch im Deutschlandradio ausführlich interviewt worden. Im selben Sender hat die Schriftstellerin Juli Zeh darauf geantwortet und gemäß ihrer juristischen Ausbildung auf das Thema „Demokratie ist nur ein Verfahren“ verkürzt, um Ingo Schulzes post-demokratische Verve etwas auszubremsen. In vielen Punkten stimmt sie ihm jedoch zu. Auf die Idee, dass alles mit dem Grundgesetz zusammenhängt und die Lösung nur eine neue Verfassung nach Artikel 146 sein kann, sind beide noch nicht gekommen.

Doch insgesamt verändert sich die Stimmung langsam und die These von einem guten Ende der Bundesrepublik, nämlich auf dem Wege der Gründung einer neuen, einer Dritten Republik in Deutschland, gewinnt an Plausibilität.


Demokratische Revolution in „Teneriffa EXIT“

5. September 2011

Ich habe ein Art Cameo-Auftritt in Bernd Heibers Love-Romance-Berlin-Thriller Teneriffa EXIT, einem wunderschönen und poetischen Kinofilm, in dem ich mich selbst bei einer meiner Redeproben für die Auftritte vor dem Brandenburger Tor spielen durfte. Die Rede ist völlig improvisiert, ich hatte keinen Text vorbereitet, und wir haben sie nur ein mal gedreht.

Website: www.teneriffa-exit.de
Filmtrailer
Mein Auftritt

Viel Spaß damit!


‚Was zu tun ist!‘ Die Maulhelden Clement und Merz sind wieder da

9. Mai 2010

Die beiden Quertreiber der deutschen Politik, die nur deshalb so überschätzt werden, weil sie mit allem grandios gescheitert sind, was sie angefasst haben, melden sich zurück. Die politischen Herzen der Deutschen fliegen ihnen immer noch zu, man weiß nicht warum. Vielleicht aus demselben Grund, aus dem die politischen Naivlinge der Bundesrepublik auch solche gescheiterten Existenzen wie den größten Technolkraten der deutschen Politik, nämlich Helmut Schmidt, am liebsten gnadenlos überfeiern und zum lebenden Staatsheiligtum verklären.

Merz und Clement haben jedenfalls gemeinsam ein Buch herausgebracht, um auch dem Letzten zu beweisen, dass sie nicht nur nichts gelernt haben, sondern auch keine einzige eigene Idee anbieten können, was denn wirklich zu tun sei und vor allem wie das geschehen soll.  Doch nennen sie ihr formloses Machwerk, ein politisches Fass ohne Deckel, Reifen, Boden oder auch nur eine einzige brauchbare Daube,  ausgerechnet Was jetzt zu tun ist. Deutschland 2.0. Dieser Bullshit alleine reicht jedenfalls, um von Presse und Fernsehen wieder maßlos verstärkt zu werden, ohne dass auch nur die Spur eines Zweifels daran aufkommt, ob an diesem Beitrag irgendetwas zu finden ist, das politischer Substanz ähnelt und die Meldung rechtfertigt.

Ganz vorne dabei natürlich wieder der Spiegel. In der Nr. 17 vom 26. April 2010 entblöden die zwei pensionierten Polit-Großmäuler sich nicht einmal, erst zur Revolution aufzurufen, um dann sofort wieder zurückzurudern – und zwar am Pariser Platz in Berlin, genau an der Stelle also, an der die Gruppe ’48 dieses Thema viel mutiger, radikaler und konsequenter angegangen ist:

SPIEGEL: Ist es an der Zeit für eine neue Partei, werteorientiert und reformfreudig? Ihr Buch könnte ja das Gründungsmanifest sein und Sie die Vorsitzenden.
Clement: Ja, genau, wir winken jetzt aus dem Fenster des SPIEGEL am Pariser Platz und rufen
Merz: auf zur Reform-Revolution!
SPIEGEL: Nur zu.
Clement: Im Ernst. Wir wollen zur Kehrtwende und zur entschlossenen Reform aufrufen und keine neue Partei oder neue Republik ausrufen.

Das bekommt man unter dem obigen Titel also bei Herder für 18,95 Euro:
0% Information
0% Unterhaltung
0% Ideen
0% Sex
0% Drugs
0% Rock’n Roll
dafür aber ganze 200 Seiten totes Holz mit Farbe im Schutzumschlag.

Nachschlag

Die beiden verbal inkontinenten Politgreise erhielten am 10. Mai 2010 glatt eine ganze Stunde Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der ARD bei der Labertasche Beckmann. Der ist ja wirklich hart im Nehmen, wenn es um Promi-Bullshit geht, aber bei den beiden Knalltüten ist es sogar diesem zahnlosen Fernseh-Buddha zu blöd geworden, und er zeigte so etwas wie sanften Unwillen angesichts der hohlen Phrasen, die sein Studio wie die Gase aus schlechter geistiger Verdauung einhüllten.


„Das Ende der Bundesrepublik“ in der Reformationskirche

21. Dezember 2009

Der Perlen Verlag, in dem Das Ende der Bundesrepublik erschienen ist, war einer der Sponsoren bei der  2. Langen Nacht des Buches am 13. November 2009 in Moabit. Sechs unserer Autoren waren zu Lesungen eingeladen. Zwei davon fanden in der schönen Reformationskirche in der Beusselstraße statt, eine davon war ein Rückblick auf das Erste Jahr vom Ende der Bundesrepublik. Denn im Rahmen der 1. Langen Nacht des Buches im November 2008 wurde das Buch noch vor der Drucklegung zum ersten Mal vorgestellt, damals in dem herrlichen Theater Engelbrot. Eigentlich hätte ich aus dem Kapitel Politik ohne Glauben vorlesen können, wo ich unter anderem den Gedanken entwickelt hatte, dass die Kirchen für den Glauben dasselbe Problem darstellen wie die Parteien für die Politik, außerdem dass die Kirchen sich durch ihr Steuerprivileg in der Bundesrepublik zu einem Teil des öffentlichen Dienstes entwickelt hatten. Doch ich nutzte diesmal die Gelegenheit, um einmal zusammenzufassen, was alles passiert war seit der Veröffentlichung.

So erzählte ich von den Besprechungen und vor allem den vielen Nicht-Besprechungen des Buches. Denn obwohl Das Ende der Bundesrepublik die einzige alternative und abweichende Stimme in diesem Jahr der Gedenkfeiern für das 60. Jubiläum des Grundgesetzes war, haben sich die Print- und Fernsehmedien freiwillig gleichgeschaltet und ausschließlich in den Dienst der Selbstbeweihräucherung der Regierung, der Parteien und des öffentlichen Dienstes gestellt. Deshalb wird es in der zweiten, aktualisierten und erweiterten Auflage unter anderem ein neues Kapitel unter dem Titel Die Komplizenschaft der Medien geben.

Natürlich erzählte ich auch von der Gründung der Gruppe ’48 und von unseren Aktionen, zeigte Videos, spannte unsere Transparente auf und verteilte an die Zuhörer die Buttons mit unserer Demokratischen Revolutionskokarde (siehe oben). Der Höhepunkt war natürlich das Erscheinen des großen Essays Die Status-Quo-Diktatur wenige Tage vor der Bundestagswahl in der WELT. Das ganze war improvisiert und frei erzählt, dazu noch alleine, da mein Partner Harald Steinhausen kurz nach Beginn seine schwere Erkältung nach Hause bringen musste. Den Besuchern der Kirche und Zuhörern hat die Veranstaltung trotzdem sehr gut gefallen, um nicht zu sagen: sie waren begeistert! Es hat großen Spaß gemacht, wieder öffentlich über die Demokratische Revolution zu sprechen, vor allem in diesem würdigen Rahmen.

Einführung in die Veranstaltungen in der Reformationskirche
von Reginald Grünenberg, Harald Steinhausen und Stefan Weidner (v.l.n.r.)

Das ist nicht die Bibel, sondern Das Ende der Bundesrepublik

Die Zuhörer waren zuerst überrascht, dann begeistert

Es hat auch wieder richtig Spaß gemacht, von unseren verrückten Aktionen am Brandenburger Tor zu erzählen


Geburtstagskränzchen für das Grundgesetz mit „Mutti“ Merkel

20. Januar 2009

Bald ist es soweit. Am 23. Mai 2009 feiert die Bundesrepublik ihr Grundgesetz, und damit  ihre Entstehung und sich selbst. Zwei Millionen Euro soll der Spaß kosten, wie der Spiegel 3/2009 unter dem Titel „Sause mit Merkel“ berichtet. Das wäre, wenn es an der Bundesrepublik und ihrem Grundgesetz wirklich etwas zu feiern gäbe, definitiv ein knausriges  Budget für so eine schöne, große und wichtige Sache. Doch „Mutti“, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel im Regierungsviertel in einer Geste der kollektiven Selbstverachtung genannt wird, ist sich offensichtlich nicht ganz sicher, wie die provisorische Verfassung Nachkriegsdeutschlands angemessen gefeiert werden soll. Vorsichtshalber lässt die Kanzlerin das ganze auf sich persönlich zuschneiden, da kann dann nichts schief gehen. Der Bundespräsident, CDU-Mann und dem Protokoll nach der höchste Repräsentant des Staates, wird zu diesem Zeitpunkt noch Horst Köhler heißen und darf auch etwas sagen bei diesem Geburtstagskränzchen. Schließlich will er ja noch am selben Tag von der Bundesversammlung wiedergewählt werden, was Gesine Schwan gar nicht lustig findet. Denn was ist mit der SPD und den anderen Parteien? Ach, die haben doch noch nie etwas geleistet für dieses Land! Wer sind schon Ollenhauer, Schumacher, Brandt, Schmidt und Schröder, wer sind Scheel, Hamm-Brücher und Lafontaine im Vergleich zu „Mutti“ und ihrem Horst! Deswegen ist es schon in Ordnung, wenn die CDU dieses Jahr die 2 Millionen Euro für die Grundgesetzfeier ganz legal als zusätzliche Wahlkampfkostenerstattung einstreicht. Es ist ja auch nur ein Klacks verglichen mit den mehr als 800 Millionen Euro, welche die Parteien dem Staat inzwischen jährlich „aus der Tasche ziehen“ – anders kann man das wirklich nicht bezeichnen; und wie dieser irrsinnige Betrag zustande kommt, der die offizielle staatliche Parteienfinanzierung von 133 Millionen Euro um ein Vielfaches übertrifft, das findet man im Ende der Bundesrepublik auf S. 127-128 und in dem Kapitel Die etablierten Parteien – Abgesang auf ein Suchtopfer, S. 145-160. 

Doch zurück zu „Mutti“ und ihrem Geburtstagskind. Was werden wir denn dann feiern? Welcher Teil des Grundgesetzes kann feierlich vorgetragen werden, so dass wir die eine oder andere Träne nicht unterdrücken können? Vielleicht die langweilige Präambel, die zur Hälfte aus der Aufzählung der unseligen Länder des bundesrepublikanischen Föderalismus besteht und die nichts zu berichten weiß von den Kämpfen der Deutschen um Republik, Freiheit und Wiedervereinigung? Oder doch lieber gleich die Quintessenz der „wehrhaften Demokratie“ in Artikel 20: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutsche das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“  Beruhigender wäre dieses Schmuckstück der deutschen Beamten- und Referentenprosa in Artikel 87c: „Gesetze, die auf Grund des Artikels 74 Nr. 11a ergehen, können mit Zustimmung des Bundesrats bestimmen, dass sie von den Ländern im Auftrag des Bundes ausgeführt werden.“ Doch wenn wir als ganzes Land nach vorne blicken und dieses Dokument angemessen feiern wollen, dann gibt es eigentlich nur eine einzige Stelle die in Frage kommt, nämlich Artikel 146: „Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte Deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tag, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ Das wäre eine würdige Feier, bei der die Kanzlerin ankündigt, dass Deutschland sich in der nächsten Legislaturperiode eine neue Verfassung geben wird.

Warum sie das nicht tun wird und nicht einmal daran denken darf, das kann alles nachgelesen werden im Ende der Bundesrepublik. Und so wird die Feier für das Grundgesetz wahrscheinlich so ähnlich werden wie der 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989, als Michail Gorbatschow beim Abschied auf dem Flughafen Schönefeld zu Erich Honecker  sagte: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“