Erste Lesung im Engelbrot am 21. November 2008

Was für eine Zeit! Was für verrückte Tage! Ich war gerade noch in Tokyo, habe dort nach einem Jahr harten Studiums die Abschlussfeier vom ETP Executive Training Programme erlebt, danach noch einen Tag auf der Audio-Fachmesse InterBEE in Chiba Makuhari und dann in den Flieger zurück nach Berlin. Dieser Teil der Geschichte, der in Japan gespielt hat, ist auf meinem englischen Blog festgehalten. In Berlin habe ich nicht einmal mein Gepäck ausgepackt, da ging es schon los. Der Perlen Verlag sollte mit drei Büchern bzw. drei Autoren an der ersten Langen Nacht des Buchs teilnehmen. 

langenachtdesbuchs_flyer

Ich hätte gerne die Lesungen von Sascha Lobo und Abini Zöllner besucht, aber wir waren über die ganze Stadt verteilt und ich hatte das Glück, dass ich in dem schönen Saal des alten Theaters Engelbrot in Alt-Moabit lesen durfte. Vor mir war der heftig verschnupfte Fadi Saad dran und las aus seinen Erinnerungen an die Jahre in der Jugendgang. Als ich an die Reihe kam stellte ich mit einer klitzekleinen Panik fest, dass ich mein Skript nicht finden konnte. Ich hatte für die Lesung im Flieger über Sibirien tatsächlich noch etwas geschrieben, denn ich war nicht sicher, ob ich auf Anhieb die richtigen und auch gut lesbaren Stellen im Ende der Bundesrepublik finde und ich wollte mich nicht auf Improvisation verlassen. Nun, die Umstände haben mich dann doch zur Improvisation zurück geführt. Ich fing einfach an, die Entstehungsgeschichte des Buchs zu erzählen, das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht als Buch vorlag sondern gerade erst gesetzt wurde. Die Lesung war eine Vorveröffentlichung. Diese Erzählung unterbrach ich immer wieder mit der Lesung einzelner Kapitel. Doch trotz Adrenalin und Endorphine im Blut merkte ich deutlich die Müdigkeit. Ich hatte einen Jetlag. In Tokyo war es gerade halb fünf am Morgen und mein Körper fühlte sich schon übernächtigt in Erinnerung an die alte Zeit.  

reginald_lesung081121_11

So war mein Vortrag etwas schleppend, auch die von mir ausgewählten Kapitel waren nicht optimal geeignet für eine Lesung. Gegen Ende jedoch und dann vor allem mit den Fragen aus dem Publikum kam ich wieder in Fahrt. Ich stellte fest, dass ich sowieso lieber frei spreche als gedruckte Texte zu lesen. 

Die Frage eines Studenten fand ich spannend. Angesichts all der kulturellen Hindernisse, die uns Deutsche vom politischen Denken und Urteilen abhalten sowie der mächtigen Lobbies, die nichts anderes vorhaben als die Mißstände (ich werde nie drei gleich lautende Konsonanten hintereinander schreiben; das ist die einzige Regel der neuen deutschen Rechtschreibung, die ich nicht akzeptieren kann) der Bundesrepublik auf Dauer zu stellen weil sie daran prächtig verdienen, da stellte sich dem jungen Mann die Frage, ob man nicht einen neuen Bürger, vielleicht sogar einen ganz neuen Menschen bräuchte, um diesen Verhältnissen entgegen zu treten. Er meinte das skeptisch, denn er sah nirgends in Deutschland die Menschen, die bereit wären, dem bundesrepublikanische Establishment eine Verfassungsdiskussion aufzuzwingen, Leute, die tatsächlich bereit wären, aktiv eine Partei aufzubauen, die eine Neugründung der Republik zum Ziel hat. Das gab mir die Gelegenheit, von vielen Begegnungen aus den vergangenen fünf Jahren zu berichten, in denen sich die Gesprächspartner als geradezu ungeduldig erwiesen und eine solche Partei am liebsten sofort gegründet hätten. Es gibt da draußen eine unglaublich große Menge frei schwebender, frustrierter politischer Energie und Intelligenz die von den etablierten Parteien schon lange nicht mehr eingefangen werden kann. Die „neuen Menschen“ für die nächste Republik sind alle schon da, sie warten nur auf einen Startschuss, ein Zeichen. Davon bin ich überzeugt.

Nach der Veranstaltung gingen wir aus in unserem Kiez, im Prenzlauer Berg. Ich überwand den Jetlag mit ein paar Cocktails und fand zurück in das Berliner Nachtleben, das so ganz anders ist als in Tokyo, aber sicher nicht schlechter. Das war, alles in allem,  jedenfalls ein absolut gelungenes Willkommensfest und ich bin froh wieder hier zu sein.

Advertisements

2 Responses to Erste Lesung im Engelbrot am 21. November 2008

  1. […] als bei der ersten Lesung im Engelbrot, wo ich mein Skript nicht mehr finden konnte, war ich diesmal gut vorbereitet. Ich hatte wesentlich […]

  2. Frank Schwaerzel sagt:

    Lieber Reginald ! In zwei Radiosendungen wurde nach der Buchmesse wieder über dein Buch gesprochen. Das freut mich für Dich, denn die Berichterstattung war gut für Dich und den Perlen Verlag.
    Immer schön weiter so.
    Liebe Grüße
    Frank aus Leipzig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: