Doppelkrise mit Eklipse

22. Januar 2009

Die aktuelle Finanzkrise und das Ende der Bundesrepublik

Es war bereits Thema auf der Pressekonferenz am 18. Dezember 2008, aber ich muss nach Anfragen mehrerer Leser doch noch eigens auf diese wichtige Frage eingehen:

Wie verhält sich die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2009 in eine Rezession, wenn nicht sogar in eine Depression münden wird, zu der These vom unausweichlichen Ende der Bundesrepublik?

Es war zugegebenermaßen eine Überraschung, als ich Anfang September 2008 gerade das Manuskript zum Ende der Bundesrepublik in Tokio abgeschlossen hatte und plötzlich die Weltfinanzkrise ihren Lauf nahm. Je schlimmer es mit den Wochen und Monaten wurde, desto mehr stellte ich mir die Frage, ob der sich immer weiter ins Katastrophale auswachsende Zusammenbruch der internationalen Kredit- und Finanzmärkte die Idee von einer notwendigen kompletten Verfassungserneuerung und damit einer neuen Republik in Deutschland beschleunigen und unterstützen oder eher bremsen wird. Viele Leute sagten mir, dass der Titel des Buches Das Ende der Bundesrepublik doch ganz ausgezeichnet in die Zeit passen würde, wie ein Deckel auf den Topf. Ich war und bin mir da immer noch nicht so sicher.

Denn so kompliziert die Ursachen der aktuellen Krise auch dargestellt werden im Geklingel des anglo-amerikanischen Finanzvokabulars der vermeintlichen Experten: Die Wahrheit ist, dass das alles ziemlich simpel ist. Es gab eine neue Art von Finanzprodukten, die alle Risiken gut in der Verpackung versteckten und dabei hohe und auch noch weiter steigende Renditen versprachen. Von den USA aus infizierten sie wie ein Virus die weltweiten Handelsplätze und Geldhäuser, denn alle wollten mitverdienen und packten diese Titel in ihre Depots. Ironischerweise ist ausgerechnet die zweitgrößte Wirtschaftsmacht des Planeten, nämlich Japan, nicht in diesen Strudel hineingezogen worden. Und zwar nicht, weil die Japaner das alles von vornherein durchschaut hätten, sondern weil das japanische Finanzsystem und seine Akteure bekannt sind dafür, dass sie  moderne und raffinierte Finanzprodukte einfach nicht verstehen. Japan ist ein Land, in dem sogar Firmen ihre Konten noch mit Sparbüchern aus Papier führen, wo die ec-Schalter (ATM) nachts geschlossen sind und wo man gar nicht erst zu versuchen braucht, Überweisungen ins Ausland online zu machen. Dieser Konservatismus der Inkompetenz und Zurückgebliebenheit hat das glückliche Japan vor solchen Geschichten bewahrt, die hierzulande IKB, BayernLB und HypoRealEstate geschrieben haben. 

Es gab viele Stimmen, die schon seit Jahren nach Regulierungsmechanismen für die Finanzmärkte gerufen haben. Aber es gab nach meiner Kenntnis niemand, dessen vorgeschlagener Regulierungsmechanismus ausgerechnet diese Art von Krise antizipiert und damit verhindert hätte (hierzu ein kurzer Überblick von Henning Vöpel in Spiegel-Online vom 21.10.2008). Selbst Oskar Lafontaine hat bereits 1999 in Das Herz schlägt links die Regulierung der Finanzmärkte gefordert, doch keiner seiner Vorschläge hätte in der gegenwärtigen Situation geholfen. Denn was soll nun reguliert werden? Die Hedge-Fonds und andere Heuschrecken oder die internationalen Devisenströme mit der so genannten Tobin-Steuer? Die Eigenkapitalquoten der Banken oder die Gehälter ihrer Vorstände? Die Derivatgeschäfte oder die Leerverkäufe? Die Bilanzierungsvorschriften oder die Due-Diligence-Richtlinien für internationale Kredit-, Investment- und M&A-Geschäfte? Die Rating-Agenturen oder den Insider-Handel? Die Ausbildung und Zertifizierung der Broker und Analysten oder der Alkohol- und Koffeinausschank (herrliche Glosse: Bohnen des Bösen) rund um die internationalen Börsenplätze? Und hätte irgend etwas davon die aktuelle Krise verhindert? Sicher nicht. Denn eine ganze Zeit lang lief es gut, sogar sehr gut, und zwar so lange wie die Immobilienpreise in den USA nicht sanken.

Die gerade beginnende Rezession in Deutschland hat damit zwei simple Gründe, nämlich den Rückgang der internationalen und insbesondere amerikanischen Nachfrage nach deutschen Produkten und Dienstleistungen sowie die Kreditknappheit, da die Banken – trotz heftiger gegenteiliger Bekundungen, doch man muss nur mal mit einem Bauunternehmer sprechen – keine oder wesentlich weniger Kredite vergeben und ihr Geld hüten.

Hat diese Finanzkrise also etwas mit dem absehbaren Ende der Bundesrepublik zu tun? Im Grunde gar nichts – außer dass sie es beschleunigt.

Die vorgenannten Zusammenhänge stellen uns vor weitere finanzielle, wirtschaftliche und schlimmstenfalls soziale Probleme, doch sie wurzeln nicht in der Strukturkrise der Bundesrepublik. Die wirkliche Krise der Bundesrepublik ist um Dimensionen größer und viel komplizierter, sowohl in der Darstellung als auch in den Lösungsmöglichkeiten. Alleine neben der zusätzlichen Verschuldung aller öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Kommunen) durch die nicht gegenfinanzierten Beamtenpensionen bis 2030 mit einer Summe von 1,3 bis 2,0 Billionen Euro nehmen sich die aktuell krisenbedingten finanziellen Zusatzbelastungen des Staates (noch) wie Zwerge aus. Sie verschlimmern das Ganze noch etwas, beschleunigen den Abstieg, aber sie hängen nicht systematisch mit den Kernproblemen der Bundesrepublik zusammen. Denn da kommen zu den finanziellen Gefahren noch die ganzen politischen und institutionellen Verwicklungen, in denen es starke Interessengruppen gibt, die alles dafür tun, dass sich nichts ändert, weil sie an den Mißständen sehr gut verdienen und niemals ihre Pfründe gefährden würden. Deshalb war es in dem Buch Das Ende der Bundesrepublik erforderlich, eine spezielle Dominotheorie zu entwickeln, in der alle diese miteinander verknüpften Interessengeflechte so dargestellt werden, dass deutlich wird, warum ein Hebel zur Änderung des gesamten Systems nur am Grundgesetz selbst ansetzen kann, das heißt wie der Fall des Grundgesetzes alle anderen Domino- bzw. Bausteine des maroden bundesrepublikanischen Staatsgebäudes kippen kann. Wer hier falsch ansetzt kommt nicht weit. Es hat keinen Sinn, den Föderalismus ohne das Beamtentum abzuschaffen und umgekehrt. Es ist aussichtslos, den Parlamentarismus zu  stärken, ohne das Bundesverfassungsgericht zu schwächen. Es ist unmöglich den Generationenvertrag der Rentenversicherung neu zu gestalten, ohne den öffentlichen Dienst in die Rentenkassen einzahlen zu lassen. Das politische System der Bundesrepublik hat sich wie ein biologischer Organismus immunisiert gegen solche partiellen Eingriffe.  All die Abwehrmechanismen lassen sich nur über das Nervenzentrum des Staates blockieren, und das ist nun einmal die provisorische Verfassung der zweiten Republik in Deutschland, das Grundgesetz.

Das sind erheblich komplexere und auch bedrohlichere Zusammenhänge als jene, mit denen uns die gegenwärtige Finanzkrise konfrontiert, die ja angeblich 2010 schon wieder vorbei sein soll. Die Gefahr, die ich in dieser über die internationalen Finanzmärkte induzierte Rezession allerdings sehe, liegt viel mehr darin, dass sie die wirkliche Krise und damit eine sich anbahnende Katastrophe in Deutschland überdeckt. Deshalb bin ich äußerst beunruhigt über die aktuellen Entwicklungen, denn sie werden die These vom einem wünschenswerten Ende der Bundesrepublik und der notwendigen Überleitung in eine neue Republik keineswegs voranbringen. Im Gegenteil. So wie die Regierung wird sich auch die deutsche Bevölkerung auf Monate hinaus nur damit beschäftigen, wie die Auswirkungen des Subprime-Desasters unter Kontrolle gebracht werden können. Die viel größere Gefahr wird gar nicht mehr gesehen. Und dann werden sich alle wundern, dass es aus diesem Tunnel keinen Ausgang mehr gibt, denn er wird gleich in den nächsten übergeleitet, der nur noch in eine Richtung führt: abwärts.

Deutschland ist in einer besonders gefährlichen Situation, denn wir befinden uns in dem exotischen Zustand einer Doppelkrise mit Eklipse, wobei die eine – leichtere – Krise die andere – schwerere – Krise überdeckt und unsichtbar macht. Doppelkrisen gab es schon häufig in der Geschichte, und in der Regel verstärkten sich politische und wirtschaftliche Krisen oder Wirtschafts- und Finanzkrisen merklich. Aber es ist, soweit ich sehe, ein Novum, dass eine Krise eine andere verdeckt, was man in der Astronomie eine Eklipse nennt, etwa eine Sonnenfinsternis, wenn der kleine Mond die große Sonne verdeckt.


Geburtstagskränzchen für das Grundgesetz mit „Mutti“ Merkel

20. Januar 2009

Bald ist es soweit. Am 23. Mai 2009 feiert die Bundesrepublik ihr Grundgesetz, und damit  ihre Entstehung und sich selbst. Zwei Millionen Euro soll der Spaß kosten, wie der Spiegel 3/2009 unter dem Titel „Sause mit Merkel“ berichtet. Das wäre, wenn es an der Bundesrepublik und ihrem Grundgesetz wirklich etwas zu feiern gäbe, definitiv ein knausriges  Budget für so eine schöne, große und wichtige Sache. Doch „Mutti“, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel im Regierungsviertel in einer Geste der kollektiven Selbstverachtung genannt wird, ist sich offensichtlich nicht ganz sicher, wie die provisorische Verfassung Nachkriegsdeutschlands angemessen gefeiert werden soll. Vorsichtshalber lässt die Kanzlerin das ganze auf sich persönlich zuschneiden, da kann dann nichts schief gehen. Der Bundespräsident, CDU-Mann und dem Protokoll nach der höchste Repräsentant des Staates, wird zu diesem Zeitpunkt noch Horst Köhler heißen und darf auch etwas sagen bei diesem Geburtstagskränzchen. Schließlich will er ja noch am selben Tag von der Bundesversammlung wiedergewählt werden, was Gesine Schwan gar nicht lustig findet. Denn was ist mit der SPD und den anderen Parteien? Ach, die haben doch noch nie etwas geleistet für dieses Land! Wer sind schon Ollenhauer, Schumacher, Brandt, Schmidt und Schröder, wer sind Scheel, Hamm-Brücher und Lafontaine im Vergleich zu „Mutti“ und ihrem Horst! Deswegen ist es schon in Ordnung, wenn die CDU dieses Jahr die 2 Millionen Euro für die Grundgesetzfeier ganz legal als zusätzliche Wahlkampfkostenerstattung einstreicht. Es ist ja auch nur ein Klacks verglichen mit den mehr als 800 Millionen Euro, welche die Parteien dem Staat inzwischen jährlich „aus der Tasche ziehen“ – anders kann man das wirklich nicht bezeichnen; und wie dieser irrsinnige Betrag zustande kommt, der die offizielle staatliche Parteienfinanzierung von 133 Millionen Euro um ein Vielfaches übertrifft, das findet man im Ende der Bundesrepublik auf S. 127-128 und in dem Kapitel Die etablierten Parteien – Abgesang auf ein Suchtopfer, S. 145-160. 

Doch zurück zu „Mutti“ und ihrem Geburtstagskind. Was werden wir denn dann feiern? Welcher Teil des Grundgesetzes kann feierlich vorgetragen werden, so dass wir die eine oder andere Träne nicht unterdrücken können? Vielleicht die langweilige Präambel, die zur Hälfte aus der Aufzählung der unseligen Länder des bundesrepublikanischen Föderalismus besteht und die nichts zu berichten weiß von den Kämpfen der Deutschen um Republik, Freiheit und Wiedervereinigung? Oder doch lieber gleich die Quintessenz der „wehrhaften Demokratie“ in Artikel 20: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutsche das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“  Beruhigender wäre dieses Schmuckstück der deutschen Beamten- und Referentenprosa in Artikel 87c: „Gesetze, die auf Grund des Artikels 74 Nr. 11a ergehen, können mit Zustimmung des Bundesrats bestimmen, dass sie von den Ländern im Auftrag des Bundes ausgeführt werden.“ Doch wenn wir als ganzes Land nach vorne blicken und dieses Dokument angemessen feiern wollen, dann gibt es eigentlich nur eine einzige Stelle die in Frage kommt, nämlich Artikel 146: „Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte Deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tag, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ Das wäre eine würdige Feier, bei der die Kanzlerin ankündigt, dass Deutschland sich in der nächsten Legislaturperiode eine neue Verfassung geben wird.

Warum sie das nicht tun wird und nicht einmal daran denken darf, das kann alles nachgelesen werden im Ende der Bundesrepublik. Und so wird die Feier für das Grundgesetz wahrscheinlich so ähnlich werden wie der 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989, als Michail Gorbatschow beim Abschied auf dem Flughafen Schönefeld zu Erich Honecker  sagte: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“


Cicero-Chef Weimer macht es sich gemütlich

19. Januar 2009

Eigentlich bin ich dem Magazin Cicero sehr zu Dank verpflichtet, denn dort erschien bereits im Juli 2005 meine erste Veröffentlichung zur Vorbereitung vom Ende der Bundesrepublik. In Deutschlands zweites Versailles entwickelte ich einen historischen Vergleich zwischen der gigantischen Verschuldung, in welche die Bundesrepublik wegen der nicht durch Rückstellungen gegenfinanzierten Beamtenpensionen zwangsläufig hineinrutscht, und den absurd hohen Reparationszahlungen, welche die Siegermächte Frankreich und England den Deutschen nach dem ersten Weltkrieg im Rahmen der Verträge von Versailles aufgezwungen haben. Was man daran bewundern kann, das ist die Fähigkeit der Bundesrepublik, sich auch ohne die Material- und Menschenschlachten eines Weltkriegs so katastrophal zu verschulden, dass der Staat dadurch zwangsläufig zerstört wird. Dieser Artikel wurde vollständig übernommen in Das Ende der Bundesrepublik

An Cicero hatte ich bisher auch den Chefredakteur Wolfgang Weimer geschätzt, einer der lebendigsten und meinungsstärksten deutschen Journalisten. Doch ach, was muss ich erleben! Mein Held, dieser d’Artagnan des politischen Feuilletons, hat seinen Degen abgelegt, die Pantoffeln angezogen und es sich in der guten alten deutschen Stube gemütlich gemacht. Am 14. November 2008 war das in Weimers Kolumne im Handelsblatt unter dem gewollt biedermeierlichen Titel Gemach, gemach zu lesen. Darin feiert er das Michelhafte an den Deutschen und ihrer Revolutionsunlust als eine nützliche Tugend um dem Alarmismus und dem Veränderungsfuror zu widerstehen. Die Globalisierung selbst sei schon Revolution genug. Und er geht so weit, dieses Lob der deutschen Stasis mit einem Zitat von Kurt Tucholsky zu belegen, das doch gerade das Gegenteil ausdrücken sollte, nämlich eine bissige Kritik an der politischen Unfähigkeit der Deutschen, eine ordentliche bürgerliche Revolution zustande zu bringen: „Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution mal wieder in der Musik statt“ (1930). Gemeint war damit die misslungene Revolution von 1918, aber auch jene von 1848, nach der Richard Wagner, der glühende Revolutionär, in die Schweiz fliehen musste und begann, die Revolution mit den Mitteln der Musik fortzusetzen. Tucholsky schrieb zwei Jahre vor dem genannten Zitat unmissverständlich: „Die deutsche Revolution steht noch aus.“ Darum hat Cicero-Chef Weimer den Boden der großen demokratisch-rebellischen Tradition von Heine, Börne und Tucholsky leider verlassen, wenn er seine misslungene Kolumne mit diesen apodiktischen Worten enden lässt: „Darum fallen alle Revolutionen aus.“ Ich hoffe, dass dieser Musketier für bessere Politik bald den Weg zu seiner Truppe zurück findet um daran mitzuwirken, dass Deutschland endlich einmal eine erfolgreiche demokratische Revolution erlebt. Sonst wird auch der Cicero nur noch das politische Magazin der letzten Großen Koalition gewesen sein.


Das Ende der Bundesrepublik – Direkt unter ihrem Größten!

13. Januar 2009

Wir hätten es nicht besser treffen können! Am 18. Dezember 2008 war es endlich soweit, die Vorstellung vom Ende der Bundesrepublik in Form einer Lesung mit anschließender Pressekonferenz. Der Veranstaltungsort, das Café Tucher mit seiner gediegenen Leselounge, liegt zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichstag. Doch nicht nur in der Horizontalen hat dieser Ort Symbolkraft gespeichert, auch in der Vertikalen. Denn die Lounge, in der das Ende der Bundesrepublik vorgestellt, gelesen und diskutiert wurde, liegt exakt unter der Privatwohnung von Helmut Kohl, jenem Kanzler, der sicher nicht für alles verantwortlich ist, was in der Bundesrepublik schief gelaufen ist und verschlafen wurde, der sie aber mehr als jeder andere Politiker verkörpert – in seiner Größe, aber auch in seinem Alter und seiner Krankheit.

In diesem Bewusstsein traten wir vor das Publikum und die Presse. Uns war ebenfalls bewusst, dass der 18. Dezember zu den ungeeignetsten Daten im Jahr für eine Buchveröffentlichung gehört. Aber die Zeit drängt! Am Ende war es doch kein so großer Fehler, denn die Presse war recht gut vertreten. Mein Freund Harald Steinhausen, der Geschäftsführer des Perlen Verlags, eröffnete den Abend mit einer großen, ernsten und im besten Sinne pathetischen Vorstellung des Kontextes, in dem das Buch entstanden ist. Die Pointe war die gemeinsame Beobachtung von ihm und einem bekannten Politiker in der Galerie des Bundeskanzleramt, dass da gar kein Platz mehr für ein weiteres Portrait ist, wenn die gegenwärtige Kanzlerin sich auch in Öl verewigt hat. Angela Merkel ist die letzte Kanzlerin der Bundesrepublik.

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Anders als bei der ersten Lesung im Engelbrot, wo ich mein Skript nicht mehr finden konnte, war ich diesmal gut vorbereitet. Ich hatte wesentlich besser lesbare Passagen und Kapitel ausgesucht und diese eingebettet zwischen Anekdoten, Erzählungen und Reflexionen rund um die Entstehung des Buchs. Ich wollte den Leuten auch etwas auf den Zahn fühlen und habe ihnen ein so schönes wie irritierendes Zitat von Heinrich Heine aus Deutschland. Ein Wintermärchen vorgetragen, wo unser größter politischer Dichter die Ideale des revolutionären Frankreichs in Deutschland endlich erfüllt sehen will  und singt“…ganz Europa, die ganze Welt – die ganze Welt wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus.“

Die Diskussion im Anschluss war äußerst spannend. Natürlich fühlten sich ein paar Leute ungemütlich mit Heines Pathos und mussten loswerden, dass dies natürlich nicht in einen weiteren deutschen Größenwahn führen dürfe. Ich erläuterte dazu, dass dieses Zitat eines linken, kosmopolitischen deutschen Juden mir deshalb so sehr gefällt, weil es ein Gefühl ist, das ich selbst wirklich gerne spüren würde. Doch wie soll ich stolz auf ein Land sein für das ich nichts kann, dessen politische Grundlagen weder von mir noch von meinen Eltern geschaffen wurden? Das gefangen ist in einem konstitutionellen Korsett, in dem immer weniger Menschen atmen können. Deshalb müssen die Deutschen, und zwar alle, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden, in ihrem Land eine neue, eigene, selbst bestimmte Republik gründen. Wir müssen die Nachkriegszeit endgültig abschließen. Wir brauchen eine neue Verfassung. Darüber hinaus waren die Zuhörer  vor allem an den praktischen Aspekten interessiert, nämlich an der Gründung einer Partei, deren Hauptziel eine neue Verfassung noch Grundgesetz Artikel 146 ist. 

Eine gute Freundin, Redakteurin bei der ZEIT, hat mir danach folgende ermutigende Nachricht geschickt:
„Lieber Reginald, es war ganz, ganz hervorragend und ich war sehr begeistert von Inhalt, Stil und Auftritt und denke, dass du da eine große These am Wickel hast…“ 

Bisher haben wir auch eine Reihe äußerst positiver Rückmeldungen von Lesern bekommen. Ein anderer Freund hat mich angerufen und mir erzählt, dass das Buch ihn, der mit Politik nie etwas am Hut hatte, erstmals richtig politisiert hätte. Das war das größte Kompliment das ich mir vorstellen kann, ein Buch geschrieben zu haben, das politisiert. Auf die ersten Besprechungen in den Medien warten wir gespannt. Das wird alles auf www.ende-der-bundesrepublik.de dokumentiert.

Die Veranstaltung sollte für uns übrigens noch weitergehen. Die Clique Perlen Verlag & Freunde traf sich später im SchwarzSauer auf der Kastanienallee wo ich an der Bar neben einer hübschen kleinen Frau stand. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte von ihrem marxistischen Vater, der gerade bei ihr zuhause sitzt und sich brennend für Politik interessiert. Da gab Christian Eckert von Braumeister e.V., unser Freund und Büropartner, der Frau ein Rezensionsexemplar vom Ende der Bundesrepublik. Sie musste dann auch schon gehen. Ich fragte Christian dann, warum er ihr ein Buch geschenkt und das auch noch ausdrücklich als ‚Rezensionsexemplar‘ bezeichnete hat. Ganz einfach, sagte er, das war Heike Makatsch. Ich hatte sie nicht erkannt. Ich war wohl zu lange in Japan.


Erste Lesung im Engelbrot am 21. November 2008

11. Januar 2009

Was für eine Zeit! Was für verrückte Tage! Ich war gerade noch in Tokyo, habe dort nach einem Jahr harten Studiums die Abschlussfeier vom ETP Executive Training Programme erlebt, danach noch einen Tag auf der Audio-Fachmesse InterBEE in Chiba Makuhari und dann in den Flieger zurück nach Berlin. Dieser Teil der Geschichte, der in Japan gespielt hat, ist auf meinem englischen Blog festgehalten. In Berlin habe ich nicht einmal mein Gepäck ausgepackt, da ging es schon los. Der Perlen Verlag sollte mit drei Büchern bzw. drei Autoren an der ersten Langen Nacht des Buchs teilnehmen. 

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Ich hätte gerne die Lesungen von Sascha Lobo und Abini Zöllner besucht, aber wir waren über die ganze Stadt verteilt und ich hatte das Glück, dass ich in dem schönen Saal des alten Theaters Engelbrot in Alt-Moabit lesen durfte. Vor mir war der heftig verschnupfte Fadi Saad dran und las aus seinen Erinnerungen an die Jahre in der Jugendgang. Als ich an die Reihe kam stellte ich mit einer klitzekleinen Panik fest, dass ich mein Skript nicht finden konnte. Ich hatte für die Lesung im Flieger über Sibirien tatsächlich noch etwas geschrieben, denn ich war nicht sicher, ob ich auf Anhieb die richtigen und auch gut lesbaren Stellen im Ende der Bundesrepublik finde und ich wollte mich nicht auf Improvisation verlassen. Nun, die Umstände haben mich dann doch zur Improvisation zurück geführt. Ich fing einfach an, die Entstehungsgeschichte des Buchs zu erzählen, das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht als Buch vorlag sondern gerade erst gesetzt wurde. Die Lesung war eine Vorveröffentlichung. Diese Erzählung unterbrach ich immer wieder mit der Lesung einzelner Kapitel. Doch trotz Adrenalin und Endorphine im Blut merkte ich deutlich die Müdigkeit. Ich hatte einen Jetlag. In Tokyo war es gerade halb fünf am Morgen und mein Körper fühlte sich schon übernächtigt in Erinnerung an die alte Zeit.  

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So war mein Vortrag etwas schleppend, auch die von mir ausgewählten Kapitel waren nicht optimal geeignet für eine Lesung. Gegen Ende jedoch und dann vor allem mit den Fragen aus dem Publikum kam ich wieder in Fahrt. Ich stellte fest, dass ich sowieso lieber frei spreche als gedruckte Texte zu lesen. 

Die Frage eines Studenten fand ich spannend. Angesichts all der kulturellen Hindernisse, die uns Deutsche vom politischen Denken und Urteilen abhalten sowie der mächtigen Lobbies, die nichts anderes vorhaben als die Mißstände (ich werde nie drei gleich lautende Konsonanten hintereinander schreiben; das ist die einzige Regel der neuen deutschen Rechtschreibung, die ich nicht akzeptieren kann) der Bundesrepublik auf Dauer zu stellen weil sie daran prächtig verdienen, da stellte sich dem jungen Mann die Frage, ob man nicht einen neuen Bürger, vielleicht sogar einen ganz neuen Menschen bräuchte, um diesen Verhältnissen entgegen zu treten. Er meinte das skeptisch, denn er sah nirgends in Deutschland die Menschen, die bereit wären, dem bundesrepublikanische Establishment eine Verfassungsdiskussion aufzuzwingen, Leute, die tatsächlich bereit wären, aktiv eine Partei aufzubauen, die eine Neugründung der Republik zum Ziel hat. Das gab mir die Gelegenheit, von vielen Begegnungen aus den vergangenen fünf Jahren zu berichten, in denen sich die Gesprächspartner als geradezu ungeduldig erwiesen und eine solche Partei am liebsten sofort gegründet hätten. Es gibt da draußen eine unglaublich große Menge frei schwebender, frustrierter politischer Energie und Intelligenz die von den etablierten Parteien schon lange nicht mehr eingefangen werden kann. Die „neuen Menschen“ für die nächste Republik sind alle schon da, sie warten nur auf einen Startschuss, ein Zeichen. Davon bin ich überzeugt.

Nach der Veranstaltung gingen wir aus in unserem Kiez, im Prenzlauer Berg. Ich überwand den Jetlag mit ein paar Cocktails und fand zurück in das Berliner Nachtleben, das so ganz anders ist als in Tokyo, aber sicher nicht schlechter. Das war, alles in allem,  jedenfalls ein absolut gelungenes Willkommensfest und ich bin froh wieder hier zu sein.